Die PIGS im Bergischen Land

2012 und 2013 waren wichtige Jahre – auch in der öffentlichen Wahrnehmung.

Dies hatte auch Folgen für die Fotografie.

Auf Photobookmuseum.de können wir dazu lesen:

„Denn die Wirtschaftskrise der südeuropäischen Länder spielte in der künstlerischen Fotografie bislang kaum eine Rolle. Mit dem Akronym PIGS bezeichnet das britische Wirtschaftsmagazin The Economist (Stick with Mutti) Portugal, Italien, Griechenland und Spanien.  Mit The Pigs zeigt uns Carlos Spottorno jetzt eine andere, eine eher unbeachtete Realität. …

In The PIGS konfrontiert er den Betrachter mit den Folgen von Gier, Korruption, Faulheit und Ignoranz. Dabei wählte er nicht etwa Bilder von alten Herren aus, die gemütlich ihre Siesta halten, und auch nicht von feisten Yacht- und Villenbesitzern. Stattdessen zeigt Spottorno Bauruinen und vermüllte Straßen, einen Madonnenverkäufer am Wegesrand und Menschen, die in Containern am Hafen leben.

Da passt es nur allzu gut, dass Carlos Spottorno die Bilder als Magazin veröffentlicht hat, dessen Optik von The Economist nachempfunden ist.“

Carlos Spottorno hat natürlich früher damit angefangen, der Wirklichkeit einen Rahmen zu geben.

In dem als Magazin erschienen Buch THE PIGS zeigt er 2012/2013 dann diese Aufnahmen der Wirklichkeit zu diesem Thema so wie sie die Menschen sehen.

Faszinierend für mich ist die Parallele zu meinem Projekt 1214.wupperart.de.

Während Spottorno die Situation in südlichen europäischen sog. Krisenländern fotografierte, wurden meine Fotos im als 2012 krisenfrei geltenden Kernland Deutschland aufgenommen. Dabei ist in Deutschland die soziale Krise viel manifester und soziale Erstarrung durch neoliberale Schreckgespenster eingetreten.

Festgemauert in der Erde steht Hartz4 aus Nazigeist gebrannt …

Aber auch ich hatte schon viel früher angefangen.

So hielt ich den Wandel der Bergischen Industrieregion fest,

Das letzte Thema führte dann zu dem Projekt, das ich parallel zu Spottorno umsetzte.

Ich bin von den betrieblichen Veränderungen zu den Folgen im öffentlichen Raum gekommen. Je mehr Arbeitsplätze hinter den Kulissen bzw. Mauern verschwanden, desto mehr Veränderungen wurden vor den Mauern im öffentlichen Raum sichtbar.

Remscheid, Solingen und Wuppertal sind eine verarmte Region geworden mit immer weniger schön gestalteten Möglichkeiten, sich im öffentlichen Raum aufzuhalten – und wenn nur gegen Eintritt.

So sind sogar Sozialkontakte an schönen Orten nur gegen Geld erfahrbar.

Allerdings wird dies durch die jeweilige Stadtstruktur abgemildert.

Während in Remscheid eine funktionale Vereinsamkeitsstruktur im öffentlichen Raum aufgebaut wird (möglichst wenig Sitzflächen und gemütliche Baumparks), nehmen die freien Kontaktmöglichkeiten in Solingen zu und sind in Wuppertal noch am weitesten verbreitet.

Der Wandel zu einer Schlafstadt, in der Sozialkontakte sich immer mehr auf Heim oder  Laden reduzieren, wird in Remscheid besonders sichtbar.

Insofern sind die Fotos aus meinem Projekt der Blick auf eine Region vor Ort im Wandel.

Heute sind wir schon wieder weiter.

Die Flüchtlingsmassen erzeugen völlig neue Fragen. Gerade jetzt wird deutlich, was es bedeutet, wenn der öffentliche Raum für die Menschen keine echten Frei- und Begegnungsräume durch Parkanlagen und Freiflächen bereithält. Das schürt genau die Kontaktarmut, die eigentlich überwunden werden müßte.

Es sind die direkten Folgen des neoliberalen Denkens, das den privaten Reichtum stärkt und den Menschen immer mehr soziale Sicherheit nimmt. Damit nicht genug bauen sich immer mehr Reiche auf ihren Prachtgrundstücken ihre eigenen großen Begegnungs- und Rückzugsräume, während es für immer mehr Menschen immer weniger Freiflächen im öffentlichen Raum gibt.

Das erinnert an afrikanische Verhältnisse.

So wird in Remscheid nun die letzte mögliche und gemütlich gestaltbare Freifläche am Bahnhof mit einem Kino zugebaut, also kommerzialisiert statt kommunikativ geöffnet.

 

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Foto: Michael Mahlke

Scon die vorherigen Umbaumaßnahmen waren architektonisch darauf ausgerichtet, möglichst keine Kontaktflächen zu schaffen sondern funktionale Fluchtflächen, die man möglichst schnell hinter sich lassen will.

Foto: Michael Mahlke
Foto: Michael Mahlke

Fotografisch betrachtet ist dies alles faszinierend. Ob es Fotokunst oder sogar politische Fotografie ist, wird wohl letztlich im Auge des Betrachters liegen.

Aber für mich erweitert sich ungemein der Horizont. Ich war und bin mit meinem Projekt nicht allein sondern kann bei Spottorno parallel schauen, was woanders geschah.

Ich habe in dem angeblich von der Krise verschonten Deutschland gezeigt, was von den Leitmedien und der veröffentlichten kommerziellen Fotografie einfach ausgeblendet oder sogar übersehen wurde und wird.

Daher halte ich meine fotografischen Betrachtungen für eine gute und passende dokumentarische Ergänzung von Spottornos PIGS, zumal der Zeitraum sich stark überlappt.

 

Anonyme soziale Aktionen im öffentlichen Raum von Remscheid

Charakter ist das, was jemand tut, wenn niemand hinschaut.

Und da lohnt es sich dann schon genauer hinzusehen.

Drei Beispiele aus Remscheid sollen deutlich machen, welche Art von Bewußtsein vorherrscht und welche Rolle Schwarmintelligenz dabei spielt.

 

1.  Beispiel – der Remscheider Klofleck

Foto: Michael Mahlke
Foto: Michael Mahlke

Kennen Sie den Spruch, wenn man in ein Restaurant geht, dann soll man zuerst auf die Toilette gehen, weil es da so aussieht wie in der Küche? Wenn das zutrifft, dann hat Remscheid schlechte Karten. Denn diese Toiletten am Schützenplatz sind das Vorzeigeschild für Remscheider Verhältnisse am öffentlichsten Punkt der Stadt.

 

2. Beispiel – Verkehrsknotenpunkt Bahnhof

Foto: Michael Mahlke
Foto: Michael Mahlke

Der Bahnhof ist komplett kontaminiert.

 

3. Beispiel – Haltestelle am Sana-Klinikum

Es ist das Akutkrankenhaus unserer Stadt und liegt an der wichtigsten Hauptstraße. Was dort direkt unter den Fenstern der Patienten des Alloheims immer wieder sichtbar wird, kann man als anonyme Gruppenkunst oder anonymes Dreckloch bezeichnen. Es trifft beides den Kern der Sache.

Foto: Michael Mahlke
Foto: Michael Mahlke

 

Ich habe drei Beispiele von den drei repräsentativsten Stellen der Stadt hier gezeigt. Es gibt noch mehr Beispiele an anderen Stellen.

Es geht in allen Beispielen um komplett asoziales Verhalten, das hier möglich ist und in anderen Ländern schwere Strafen nach sich ziehen würde – da klappt es dann.

Das ist schon interessant und vor allem wirft es ein beredtes Licht auf das, was hier zugelassen wird obwohl es Möglichkeiten gibt, dies zu unterbinden.

Das spricht Bänder über die Verantwortlichen.

Bin ich negativ weil ich die Wirklichkeit an diesen Stellen zeige?

Bin ich negativ, wenn ich auf die Natur aufmerksam mache, die wir schützen müssen?

Bin ich negativ, wenn ich mich frage, wieso Remscheid so verhunzt wird?

Hier wird niemand etwas weggenommen, es geht einfach darum sich angemessen zu verhalten.

Eben – ich bin positiv und frage, wann der Remscheider Stadtrat und die Remscheider Verwaltung endlich tätig werden?

Der kommunale Ordnungsdienst ist doch aufgestockt worden.

Das sind die Menschen mit blauer Dienstkleidung und Stadtwappen.

Hallo wo seid ihr?